Main

Glücksspiele in der Kunst sind weit mehr als ein gewöhnliches Motiv. Das liegt zum guten Teil daran, dass sich ihre Darstellung aus zwei völlig verschiedenen Ansätzen nährt: einerseits der Banalität des Alltags, andererseits der mythisch, symbolischen überhöhung menschlichen Handelns.



A. Die Banalität

In der Malerei ist spielen oft eine Art Alltagssituation par excellence. Spielende Menschen schaffen nichts, agieren nicht; sie vertreiben sich lediglich die Zeit. Man könnte auch sagen, dass Helden so gut wie nie spielen, da sie fast immer mit Wesentlichen beschäftigt sind.

Die erste bedeutende Situation dieser Art, die sich dann wie ein roter Faden durch die abendländische Malerei zieht, sind die Legionäre unter dem gekreuzigten Christus um seine Kleider würfeln. Hier geht es eigentlich nicht um die Grausamkeit der Soldaten, die wird ja viel besser bei der Auspeitschung oder dem Eintreiben der Nägel gezeigt, sondern viel mehr um ihre Gleichgültigkeit. Da stirbt Gottes Sohn und sie vertreiben sich wie üblich die Zeit beim Spiel; die Kleider können ja ohnehin nicht viel Wert gewesen sein.

Im Gegensatz zum Essen oder einfachen Ausruhen steht das Glücksspiel immer in mehr oder weniger schweren negativen Kontext. Man spielt nicht nur um sich zu bereichern, sondern es kommt auch zu Streitigkeiten, außerdem kann die Besessenheit sogar dazu führen, dass manche ihren ganzen Besitz verspielen. Das heißt in den alltäglichen Spieldarstellungen geht es auch immer um zumindest latente Gewalt, Gier und möglichen Ruin. So gesehen lassen sich diese Bilder vielleicht noch am ehesten mit denen von Alkoholkonsum vergleichen. Gerne werden Soldaten ja bei beiden Vergnügungen gezeigt.

Es erstaunt deshalb nicht , dass Spielszenen bevorzugt mit Soldaten gezeigt werden. Dennoch wird gerade hier das Alltägliche besonders deutlich. Es geht ja nicht um irgendeine große Schlacht, einen glorreichen Sieg - was ja auch gemalt wurde -, sondern einfach um Soldaten, die ihrem Laster frönen. Dabei ist auch völlig unwichtig zu welcher Partei diese Soldaten gehören. Es sind Spieler, wie es sie auf allen Seiten gibt.

Diese Perspektive findet zuerst wie gesagt fast nur bei Kreuzigungsszenen, um 1500 entdeckt die Kunst jedoch langsam ihre Vorliebe für das einfache Volk. Nun erscheinen immer häufiger Karikaturen die einfache Kriegsknechte beim huren, saufen und eben auch immer wieder beim Spiel zeigen. Als dann die großen niederländischen Maler im Barock ihr Augenmerk zunehmend aufs einfache Volk richten, gibt es plötzlich zahlreiche Gemälde mit Spielern. Neben Soldaten sind es vor allem Bauern. Primitive Kerle eben, die von rohen Instinkten geleitet schnellen Genuss suchen.



B. Die Metaphysik

Während das Glücksspiel so einerseits zu einem beliebten Element wird, mit dem primitiver Lebensgenuss und Nichtstun illustriert werden, mausert es sich im Barock gleichzeitig zu einer Metapher für die Launenhaftigkeit des Glücks. Fortuna, die aus ihrem Füllhorn Reichtum und Überfluss vergießt, wird oft im Zusammenhang mit dem Rad des Schicksal oder auf einer rollenden Kugel dargestellt, um zu demonstrieren wie flüchtig ihre Gunst sein kann.

Gerade dieses rollende Element, das mit Rad oder Kugel symbolisiert wurde, fand im Würfelspiel eine schöne Entsprechung. Viel mehr noch als Spielkarten sind es so Würfel, die auf das schnell wechselnde Glück verweisen.

Eine noch mächtigere Symbolgestalt als Fortuna war Vanitas, mit der auf die Vergeblichkeit allen menschlichen Strebens verwiesen wird. Eigentlich ist Vanitas sogar nur eine konsequente Weiterentwicklung von Fortuna; denn letzten Endes folgt auf alles Glück irgendwann der Tod.

In fast allen Vanitasdarstellungen dominiert der Totenschädel. Dazu kommen aber zahlreiche andere Elemente, die alle an Vergänglichkeit und Tod erinnern sollen. Zu den wichtigsten gehört sicher die abgelaufene Sanduhr, aber auch gelöschte Kerzen, verwelkte Blumen oder geleerte Pokale erfüllen dieselbe Funktion. Kronen, Zepter, Lorbeer, Siegel, Bücher, Karten, Weltkugeln, Geld und Schmuck zeigen, dass alles Streben nach Macht, Reichtum und selbst nach Wissen letztlich nur leerer Wahn waren. Dazu kommen gerne noch Musikinstrumente und Notenblätter die das Ende der Lebensfreude illustrieren.

Unter all diesen Symbolen findet man auch immer wieder Würfel und Spielkarten, die teilweise auf die Wechselhaftigkeit des Glücks aber sicher noch mehr auf nutzlosen Zeitvertreib verweisen.

Von Würfeln und Spielkarten als Memento Mori ist es nur ein kleiner Schritt zum Tod, der selbst als Spieler dargestellt wird. D.h. interessant ist hier natürlich der Mensch, der es wagt sein Schicksal so sehr herauszufordern, dass er mit dem Tod selbst ein Spiel beginnt. Solche Darstellungen sind natürlich irgendwie der Höhepunkt menschlicher Hybris, denn bei diesem Spiel kann es ja nur einen Sieger geben.

Man sollte vielleicht noch anmerken, dass Würfel- oder Kartenspiel mit Gevatter Tod, dem grimmen Schnitter wie die Angelsachsen sagen, sozusagen die Proletenvariante darstellt. Es sind unverfrorene Kriegsknechte, leichtsinnige Studenten oder gierige Kapitalisten, die mit dem Tod zocken. Männer mit Stand und Bildung spielen Schach mit ihm, das königliche Spiel. Letzten Endes spielt dies aber keine Rolle, da alle verlieren werden.




Kontakt